Die Zeit: »Nur Hass, Verachtung, Brandreden«

Die Realität hinter dem Publikums-Hit: Eine Reise ins schwullesbische Belgrad, auf den Spuren der aberwitzigen Komödie »Parada«

Von Katja Nicodemus

Die Smiley-Bar ist ganz einfach zu erkennen«, sagt Lazar Pavlović mit einem gewissen Galgenhumor am Telefon, »an die Wand neben der Eingangstür hat jemand auf Serbisch ›Tod den Tunten‹ gesprayt.« Der schwullesbische Club ist allerdings nicht so leicht zu finden. Durch die schwüle Sommernacht irre ich entlang einer düsteren, schmalen Passage, nicht weit entfernt von der Hauptgeschäftsstraße Terazije. Kein Schild, keine Beleuchtung, kein Ton dringt nach draußen. Aber drinnen ist die Hölle los! Im Erdgeschoss des kleinen Clubs reden, trinken, flirten einige Männer dicht gedrängt. Im oberen Stockwerk, wo der Elektropop bis unter die Schädeldecke wummert, feiert eine Gruppe junger Lesben Geburtstag. Es wird wild geküsst in diesem Gewusel aus Tanktops und Hotpants. So sieht er aus, der Albtraum der serbischorthodoxen Kirche! Und nicht nur der Kirche.

In einer Ecke sitzt der etwa dreißigjährige Pavlović, Hauptaktivist von Serbiens Schwulenorganisation Gay Straight Alliance. In langen Shorts und weißem T-Shirt verströmt er eine urbane Coolness. »Hier sehen alle ein bisschen anders aus als die Schwulen in Parada«, sagt er lächelnd, als er von unten zwei Gläser mit sehr dunklem Bier bringt. Und damit sind wir auch schon mittendrin in einem serbischen Kinofilm, dessen Erfolg eine solche Sensation ist, dass man mehr über die Wirklichkeit dahinter erfahren möchte.

Parada, eine Komödie rund um die Vorbereitungen einer Gay Pride Parade in Belgrad, war auf dem Balkan der Überraschungshit des letzten Jahres. Mehr als eine halbe Million Menschen sahen Srdjan Dragojevićs hemmungsloses Spiel mit Klischees und Stereotypen, das auch den Publikumspreis der diesjährigen Berlinale gewann. Erzählt wird von dem Tierarzt Radmilo und dem Hochzeitsplaner Mirko, einem süß-spießigen schwulen Paar, das nach einigen Drehbuchpirouetten ausgerechnet den homophoben bulligen Kriegsveteranen Mickey Limun für die Bewachung einer Gay Pride Parade engagiert. Machismo trifft auf tuntige Attitüde, Waffenfetischismus auf Deko-Wahn, Boxer-Bademantel auf malvenfarbene Hemden. Die schöne Utopie: Limun fährt gemeinsam mit Radmilo durch Kroatien, Bosnien-Herzegovina und das Kosovo und rekrutiert weitere Kriegsveteranen für seine Security-Truppe. Gemeinsam ist den einstigen Feinden ihre Abneigung gegen Schwule, die sie – überrascht über sich selbst – überwinden werden.
»Zwei Drittel aller Serben glauben, dass Homosexualität eine Krankheit ist«, sagt Pavlović. »Prost!« Er selbst wurde über Wochen vor seiner Haustür von rechtsradikalen Fanatikern terrorisiert und bei einem Überfall auf sein Büro zusammengeschlagen. Fast jeden Tag drohe irgendjemand auf Facebook, ihn mit Strychnin zu vergiften. Aber Parada habe nachhaltig etwas bewirkt, bei Hunderttausenden von Serben, die ihren Schwulenhass zuvor nie infrage gestellt hätten: »Bei euch kann man sich wahrscheinlich gar nicht vorstellen, wie wichtig ein Film sein kann, der Schwule einfach als ganz normale Menschen zeigt.« Es ist ein geschickter Schachzug, dass Dragojević das Publikum bei seinen Vorurteilen abholt: Radmilo fährt einen pinkfarbenen Mini und hält das Weinglas mit abgespreiztem Finger, während Mirko seinen Stylistenhaarschnitt divenhaft nach hinten wirft. Limun trägt am ganzen Körper nationalistische Tattoos und singt unter der Dusche Kriegslieder, seine blondierte shoppingverrückte Freundin Pearl denkt nur an ihre luxuriöse Hochzeit. Aber am Ende ziehen alle Schulter an Schulter in den Kampf für eine Gay Parade.

Am 10. Oktober 2010 hat dieser Kampf in Belgrad wirklich stattgefunden. 6000 Hooligans lieferten sich eine Straßenschlacht mit 5600 Polizisten, die die Parade schützten. Hunderte Beamte wurden verletzt, die Innenstadt wurde verwüstet, der Schaden betrug mehr als zwölf Millionen Euro. »Wir waren derart abgeriegelt durch die Polizei, dass wir von den Kämpfen gar nichts mitbekamen «, sagt Pavlović. »Erst später erfuhren wir, wie viele Schläger es waren und dass sie großteils von Priestern angeführt wurden.« Der ungeheure Einfluss der serbisch-orthodoxen Kirche von der Politik bis in die kleinsten Verästelungen der Gesellschaft sei maßgeblich für die Diskriminierung von Serbiens Homosexuellen verantwortlich: »Nur Hass, nur Verachtung, nur Brandreden.

«An diesem langen Abend in der Smiley-Bar ist schon die ganze Schizophrenie des Landes zu spüren. Da gibt es Belgrad, die Party-Metropole, die mit billigem Bier und Rave-Nächten Rucksacktouristen aus der ganzen Welt anzieht. Und auf der anderen Seite ein Volk, das sich angesichts von Nachkriegstraumata und Wirtschaftskrisen immer tiefer in Nationalismus, Machismo und orthodoxem Glauben einspinnt.

»Wir brauchen Gay Pride Paraden, um zu zeigen, dass wir da sind!«, schreit Pavlović durch einen Lady-Gaga-Song über den Tisch und geht noch mal Bier holen. Indessen hat die lesbische Geburtstagsfeier am Nebentisch den Dancefloor auf die Tische verlegt.

Am nächsten Morgen warte ich im Manjez-Park auf den Parada- Regisseur Srdjan Dragojević. Dieser Park – eher ein gepflasterter Platz mit schütteren Bäumen, die auf bessere Zeiten hoffen – war während des Sozialismus der heimlich-offizielle Schwulentreff Belgrads. 2001 fand hier die allererste Gay Pride Parade statt, die in einem Blutbad endete. Der Film Parada zeigt davon einen dokumentarischen Ausschnitt: Eine Frau liegt schwer verletzt am Boden, Polizisten stehen desinteressiert daneben. Dann kam, nach langer Pause, die Hooliganschlacht von 2010. Im Jahr darauf sagte die Regierung den Aufmarsch mit Hinweis auf die drohende Gewalt ab. Ob es je wieder eine Parade geben wird, steht in den Sternen. »An meinem roten Kopf«, hatte Dragojević auf die Frage gesagt, wie ich ihn denn in der Mitte des Parks erkennen könne. Tatsächlich erscheint er schon von Weitem als tomatenhaftes Pünktchen. Er vertrage die Hitze überhaupt nicht, sagt er und fächert sich auf der Parkbank Luft zu. Dragojević, um die fünfzig, hat klinische Psychologie studiert, ist glücklich verheiratet und erwartet gerade sein viertes Kind. Parada habe er für seine schwulen Freunde gedreht, und weil es nicht mehr so weitergehen könne mit dem ewigen Machismo auf dem Balkan. Zur Homophobie seiner Landsleute hat er eine interessante Theorie: der Krieg als große Schwulenklappe. »Jugoslawien war nie schwuler als während des Krieges. In den Kameradenumarmungen, Männerbanden, Partisanentruppen wurden all die homoerotischen Impulse entfesselt. Nach dem Krieg musste man sie wieder unterdrücken. Deshalb ist die Homophobie so stark in unserer gegenwärtigen Gesellschaft voller durchgedrehter Veteranen und Schlachtengeschichten.

«Auch er beschreibt die Macht und Intoleranz der Kirche als fatal: »Die Freundinnen meiner zehnjährigen Tochter bekreuzigen sich jetzt bei jedem Glockenschlag zur vollen Stunde. Es dauert nicht mehr lange, und Serbien wird zu einer Art christlich-orthodoxem Iran!« Zu Beginn von Parada hört man eine Brandrede des Belgrader Erzbischofs im Radio, während sich Radmilo die Zähne putzt. Er habe eine Verpflichtung verspürt, diese Worte in seinem Film zu konservieren, sagt Dragojević, »für künftige Generationen, als Warnung, als Aufklärung«. Kino als moralische Anstalt? Eine Komödie als aufklärerisches Politkino? »Na und?«, sagt Dragojević. Erst kürzlich sei eine lesbische Schulkameradin seiner älteren Tochter mit ihrer Freundin zusammengeschlagen worden: »Die beiden haben in diesem Park, vielleicht auf dieser Bank hier, Händchen gehalten. Und dann fanden sie sich in der Notaufnahme wieder! Meine Hoffnung ist, dass es in Belgrad in diesem Oktober wieder eine Gay Parade gibt.«

»Wir brauchen keine schwullesbischen Paraden! «, sagt hingegen Predrag Azdeković, Journalist und Herausgeber eines Schwulenmagazins mit dem schönen Namen Optimist. Das Café, in dem wir bei 42 Grad im Schatten an den Stühlen kleben, hat er ausgesucht, da es ungezuckerte Limonade gibt und »weil der Kellner so süß ist«.

»Bei jeder weiteren Parade wird man uns vorwerfen, dass ein paar Hundert Schwule und Lesben die Zerstörung der Innenstadt in Kauf nehmen. « Schwulenparaden hält er für ein Modell westeuropäischer Demokratien, das sich nicht einfach übertragen ließe auf den Balkan, wo Homophobie eine Art Charakterfolklore sei. »In Bosnien und Mazedonien ist die Diskriminierung noch schlimmer als in Serbien«, sagt Pavlović. Nur in Kroatien und Slowenien seien die Gesellschaften offener und toleranter, während hier noch der alte patriarchalische Balkan herrsche. Aber welchen Weg schlägt er vor? »Den Eurovision Song Contest zum Beispiel, als Tausende von Schwule aus ganz Europa friedlich durch die Stadt zogen. Konzerte, Veranstaltungen, Parties. Oder eben einen Film wie Parada.«
Oder auch ein Gratismagazin wie Optimist? Mit anrührendem Stolz blättert Predrag Azdeković durch die Seiten: Ein Interview mit einem lesbischen Chor aus Kroatien, ein Artikel über schwullesbische Popikonen, eine Hommage an die US-Sängerin Beth Ditto, eine Kampagne für Coming-outs. Die Auflage beträgt 3000 Exemplare, im Internet gibt es zusätzlich einige Tausend Abonnenten. Anzeigen dagegen nur wenige, etwa für Sexspielzeug.

Die wirtschaftliche Krise schade den Schwulen und Lesben doppelt, sagt Predrag: »Junge Leute haben kein Geld für eine eigene Wohnung, bleiben bei ihren Eltern und verbergen ihre Homosexualität. Viele heiraten auch für die Eltern. Dann sucht man sich seine Sexpartner im Internet. « Für einen Moment prangt das Netz als Instrument homosexueller Befreiung über dem kleinen Bistrotisch. »15000 Serben haben heimlich Profile auf dem schwulen Kontaktportal Gay Romeo«, sagt Predrag. »Aber in der Anonymität des Netzes kann man sich weiter verstecken. Bei den Serben ist der Kopf auf ihren Portal-Fotos immer abgeschnitten. Eine kopflose Sex-Community! « Immerhin stelle die Stadt Belgrad demnächst einige Wohnungen zur Verfügung, in denen junge Homosexuelle, die nach dem Comingout von den Eltern herausgeworfen werden, eine Zeit lang unterkommen können. Am Nachmittag spazieren wir noch eine Weile gemeinsam durch das Zentrum von Belgrad. Auf dem Weg zum Fluss kommen wir an dem von der Nato zerbombten ehemaligen jugoslawischen Verteidigungsministerium vorbei. Ein sozialistisches Monstrum mit leeren Fensteraugen, eine gigantische Kriegsskulptur aus verbogenem Stahl und geborstenem Beton. Und vor allem: ein nationales Denkmal der Demütigung. »Dieser schreckliche Krieg«, sagt Predrag. »Danach wurden wir und andere Minderheiten zum Sündenbock einer Verlierernation. « Vielleicht liegt hier ein weiterer Grund für den Erfolg von Parada: Die Hauptfigur, Limun, war ein Kriegsheld. Jetzt arbeitet er bei einer schäbigen Security-Firma und muss Romalager räumen. Ein bulliger Looser und ein Großkotz als Identifikationsfigur .

Am nächsten Tag führt die kleine Parada-Reise weiter, mit dem Mietauto durch eine hitzeflimmernde Ebene nach Novi Sad. Hier, 100 Kilometer von Belgrad entfernt, auf einer Festung, hoch über einer Donaubiegung, findet Exit statt, eines der größten Musikfestivals Europas. Schon von Weitem hört man die Bässe von der Festung dröhnen. Vor dem Eingang bin ich mit Boris Milicević verabredet, einem bärenhaften Enddreißiger in Bermudashorts. Er ist Mitglied der Sozialistischen Partei Serbiens und der einzige offen schwule Politiker des Landes. Auf dem Festival organisiert Milicević einen Loud & Queer Act, eine schwullesbische Bühne mit DJs aus ganz Europa. Gemeinsam keuchen wir den Weg zur Festung hoch, und hinter der Kartenkontrolle untersucht ein Kordon martialisch aussehender Polizisten die Taschen der Besucher. Schwarze Uniformen, Muckibudenkörper, ausrasierte Nacken, schwere Stiefel. Ein Tattoo mit »Der Kosovo gehört uns«. »In solchen Momenten«, sagt Milicević, »muss man sich vergegenwärtigen, dass Polizisten, Security-Leute, all die Menschen, die auch für die Sicherheit der Schwulen und Lesben sorgen sollen, ehemalige Soldaten sind.«

Oben auf dem Festungsplateau angekommen, bietet sich in der dunstigen Abenddämmerung ein majestätisches Donau-Panorama. Neunzig Bands treten auf dem Exit-Festival auf, von Beth Ditto und Duran Duran bis zur serbischen Indie-Gruppe, die von einer lokalen Biermarke gesponsert wird. Boris Milicevićs kleine DJ-Bühne liegt etwas abseits neben einem Getränkestand. Davor sitzt eine große Gruppe junger Schwuler mit stacheligen Gel-Frisuren. Eine Lesbenclique streckt sich zum Picknick aus.

Was hat ein ehemaliger Aktivist wie Milicević in der SPS zu suchen, der einst Slobodan Milošević vorstand? Was bringt ihn zu einer Partei, die sich noch bis vor Kurzem mit der obskuren Gruppierung United Serbia verbündete, deren Gründer Dragan Marković einer der schlimmsten Homosexuellenhasser des Landes ist? »Der Realitätssinn«, sagt Milicević. Er bestellt zwei Bier und zwei Wodka, was bei diesen Temperaturen einem Schlag auf den Kopf gleichkommt. »Irgendwann muss man den mühsamen Schritt in die Politik machen, in die Bürokratie, in die Ausschüsse. Ich möchte, dass eines Tages Mitglieder der Kosovo-Befreiungsarmee eine Schwulenbar im Kosovo bewachen. Ich möchte meinen Freund auf der Straße küssen können, ohne zusammengetreten zu werden. Ich will meine Ruhe und meinen Frieden haben.« Leben, statt zu überleben. So einfach und banal ist es. Genau darum geht es auch Mirko und Radmilo, dem Schwulenpaar in dem Film Parada, das ständig geschlagen, angerempelt und beschimpft wird.

Gegen 23 Uhr pilgern Milicević und die kleine Zuschauer-Community geschlossen rüber zur Hauptbühne, zum Auftritt der amerikanischen Wuchtbrumme und Punk-Lesbe Beth Ditto. Die Stimmung ist schon am Überkochen, im Lazarett- Zelt werden reihenweise die Opfer von Bier und Hitze versorgt. »Hallo, da unten«, ruft Beth Ditto und wedelt zehntausend Konzertbesuchern mit einem kleinen Handtuch Luft zu. »Ich habe gehört, dass bei euch mächtig was los ist an der schwullesbischen Front!« Die ersten Takte ihres Songs Standing in the Way of Control gehen im Jubel unter. Für einen Moment liegt ein schönes Gefühl in der Luft, die Utopie eines anderen, freien schwullesbischen Serbien. Wie ein überdimensionaler Flummi hüpft Beth Ditto mit wild fliegenden Haaren über die Bühne. Die jungen Polizisten am Bühnenrand, man kann es ganz genau sehen, schwingen in den Hüften mit.