Wie der Belgrade Pride untergegangen ist

German version was printed in special edition of Beton for the Book Fair in Leipzig

Predrag M. Azdejković

Kaum jemand erinnert sich, dass vor genau einem Mo¬nat die Pride Parade in Belgrad hätte stattfinden sollen. Das ist nicht mehr aktuell. Die Medien suchen neue, skandalträchtige Themen, um die Titelseiten zu füllen. Der Nichtregierungssektor hat kurz etwas gegen die Gewalt unternommen und sich dann einer anderen gefährdeten Minderheit zugewandt, und der Regierungssektor hat die ganze Thematik unter den Teppich gekehrt, wo er sie sowieso gerne hätte. Alle Ereignisse, die der angekündigten Manifestation vorangingen und der Absage der Pride Parade folgten, haben gezeigt, dass letztendlich die Zeit noch nicht reif ist für Gleichberechtigung, wie der Slogan der Manifestation lautete. Aber was nun? Soll sich die Lesben- und Schwulenbewegung, die nach einem Knockout am Boden liegt, geschlagen geben, oder soll sie sich wieder erheben und den Kampf fortsetzen? Es ist Zeit für ein Timeout und eine Analyse der Geschehnisse. Wir müssen aus den eigenen Fehlern lernen.
Warum sagst du Plateau und denkst an die Mündung?

Am Tag bevor die Pride Parade hätte stattfinden sollen, wurde sie abgesagt. Auf einer außerordentlichen Ver¬sammlung für Journalisten am 19. September wurde verkündet, dass die Polizei nicht in der Lage sei, für Sicherheit im Stadtzentrum zu sorgen und deshalb vorschlägt, die Pride Parade an die Mündung zu verlegen, das heißt auf das Plateau vor dem Palast „Serbien“. Die Veranstalter lehnten diesen Vorschlag ab und verkündeten der Öffentlichkeit, dass die Versammlung de facto abgelehnt worden sei. Die Gründe für die Ablehnung dieses Vorschlags waren zum einen die Unmöglichkeit, das Ereignis erneut bei der Polizei für einen anderen Veranstaltungsort anzumelden, den die Polizei selbst vorgeschlagen hatte, weil die Veranstalter über diesen Vorschlag erst zwei Tage vor dem geplanten Ereignis informiert worden waren. Zum anderen war es auch der ungeeignete Ort, denn an der Mündung hätte niemand die Pride Parade gesehen. Die Ablehnung ermöglichte eine Diskussion darüber, wie sehr den Veran¬staltern überhaupt an einer Pride Parade gelegen war, vor allem nach der Aussage des Ministers für Menschen- und Minderheitenrechte, Svetozar Čiplić, im Wocheneindruck, dass die Veranstalter bereits eine Woche vor dem Ereig¬nis über alternative Veranstaltungsorte informiert worden seien. Auch wäre die Sichtbarkeit der Pride Parade im Stadtzentrum klein, insbesondere, wenn sie von fünftausend Soldaten umgeben gewesen wäre. Aber sie wäre in beiden Fällen äußerst sichtbar in den Medien gewesen, Während des ganzen Organisationsprozesses haben die Veranstalter verschiedene Zugeständnisse gemacht, da¬mit die Pride Parade überhaupt stattfindet, aber dieses letzte war zu viel – oder nur eine gute Ausrede?

Warum sagst du Pride Parade und denkst an eine Gay Parade?

Zugeständnisse und Änderungen gab es viele, und eini¬ge gefährdeten die Idee der Pride Parade. Seit 2001 ist der gängige Begriff in der Öffentlichkeit Gay Parade, be¬ziehungsweise Love Parade. Die Veranstalter haben sich während der Planung entschieden, die Manifestation Pride Parade zu nennen, weil das Wort Gay Parade eine negative Konnotation in der Öffentlichkeit hat. Es ist naiv zu glauben, dass über Nacht das Wort Gay Parade verschwinden würde, insbesondere in den Medien, nur weil das Organisationskomitee es so entschieden hatte. Diese Manifestation wird für immer eine Gay Parade bleiben, auch wenn man ihr einen anderen Namen geben wollte, und das sollte man akzeptieren. Die Veranstalter sorgten sich vor allem um die Nacktheit, und appellierten deshalb an die einheimischen Medien, keine Bilder nackter Teil¬nehmer von Schwulenparaden aus dem Westen zu zeigen, denn das würde es auf der serbischen nicht geben. Poten¬zielle wenig bekleidete Teilnehmer warnten sie mit Aus¬weisung. Nicht nur mit dem Wort Parade, auch mit dem Wort Stolz tun sich einige schwer, weil es häufig mit dem Kommentar einhergeht, dass es unsinnig ist, auf seine sexuelle Orientierung stolz zu sein. Die Veranstalter ver¬suchten den Kritikern mit folgender Erklärung den Wind aus den Segeln zu nehmen: Es gehe nicht um den Stolz auf die sexuelle Orientierung, sondern um den Stolz auf den Stonewall-Aufstand, als Homosexuelle sich gegen die Repressalien der Polizei und die Homophobie in New York 1969 zur Wehr setzten.
Sie können sich denken, wie wichtig für die Homosexu¬ellen in Serbien dieser Aufstand ist, der sich vor vierzig Jahren so weit weg ereignet hat. Viele Homosexuelle sind stolz auf ihre sexuelle Orientierung als Antwort auf die immerwährende Geringschätzung und Missachtung ihrer Andersartigkeit. Dem muss hinzugefügt werden, dass einige Politiker und Staatsfunktionäre ihre Unter¬stützung daran knüpften, dass es bei der Pride Parade nicht um Liebe, Sex oder Nacktheit gehen sollte, womit direkt die Identität der Manifestation bedroht wurde. Den Veranstaltern war die Unterstützung des Staates und der Staatsorgane wichtig, sodass sie Zugeständnisse mach¬ten. Das was ihr größter Fehler, und am Ende wurden sie ausgespielt.

Die Größe ist nicht entscheidend, aber die Zahl ist es

In der Radiosendung Sanduhr sagte Vesna Pešić im Hinblick auf die Pride Parade, dass „diese Parade als Idee nicht für gut befunden wurde, es gab keine Unterstützung. Sie haben ja gesehen, wie sich die Politiker benommen ha¬ben. Sie haben sich mehr oder weniger davon abgegrenzt, es gab auch keine Unterstützung aus der Bevölkerung, und ich muss sagen, dass auch die Homosexuellen nicht vorhatten, in großer Zahl zu erscheinen. Wenn wir bedenken, wie viele Homosexuelle es im Durchschnitt in jedem Land gibt, müsste es hier 200 000 bis 300 000 geben. Wir hätten gesehen, wie sich diese 10 000 Gewalttäter verhalten hätten, wenn die Hälfte der Homosexuellen gekommen wäre. Das heißt, die Homosexuellen wären auch nicht bereit gewesen, sich auf dieser Parade zu zeigen. Die Staatsmacht kann also nicht alles machen. Erinnern Sie sich an die Demonstrationen in den 90ern, als wir zu Hunderttausenden auf den Protesten waren. Die Zahl war damals sehr wichtig. Wie viele es gibt, ist sehr wichtig für die gegnerische Seite.“
Die Pride Parade hatte von Anfang an nicht die Unter¬stützung der Homosexuellen, die mit der Zeit sogar noch abfiel. Die erste große Erschütterung ereignete sich mit dem Rauswurf der Gay straight alliance aus dem Orga¬nisationskomitee, die der eigentliche Initiator des Zuges war. Die nächste Erschütterung war der Austritt des Queeria Zentrums Anfang September. Die Auskunft, dass wenig Bekleidete von der Versammlung entfernt werden würden, dass Handys und Flaschen weggenommen wer¬den würden, dass Teilnehmer genau kontrolliert werden würden und dass man keine Absätze tragen sollte, verrin¬gerten die Unterstützung.

Obwohl wir Schwule sind, sind wir in erster Linie Serben

Zum Mangel an Unterstützung trug der Streit zwischen den verschiedenen Gruppen Homosexueller bei, der die Organisation begleitete und in den Fokus der Medien geriet. Anstatt sich mit der Idee der Pride Parade und den Problemen Homosexueller auseinanderzusetzen, beschäftigten sich die Medien mit dem Streit, was vor allem den Veranstaltern zuzuschreiben ist, die bewiesen hatten, dass sie nicht wussten, wie die heimischen Medien funktionieren. Das Organisationskommitee gab Ende Mai bekannt, dass die Gay straight alliance (GSA) von der Arbeit ausgeschlossen worden war, weil der Präsident dieser Vereinigung verkündet hatte, dass die Parade am 23. August abgehalten werden würde, ohne sich mit den anderen Mitgliedern des Kommitees abzusprechen. Das Komitee gab bekannt, dass so eine Handlung ernsthaft die Sicherheit der Teilnehmer und die Veranstalter der Manifestation gefährde und dass die GSA damit beweise, dass ihr politische Ambitionen und die Selbstdarstellung wichtiger seien als die Interessen der Homosexuellen. Das Schwulen- und Lesben-Informationszentrum rief mehrmals die verschiedenen Gruppen zur Streitbeilegung auf, aber dieser Vorschlag wurde ignoriert, sodass am Ende das Queeria centar aus dem Komitee heraustrat, weil .der Mangel eines kulturellen und künstlerischen Inhalts nicht genügend Raum lässt, für eine Beteiligung an der Organisation.. Die aktivistische homosexuelle Szene, die in Serbien nicht stark und in sich gespalten ist, hatte beschlossen, die Pride Parade zu veranstalten, obwohl die Mehrheit der Homosexuellen sie nicht unterstützte und sie deshalb von Anfang an zum Scheitern verurteilt war. Auch einen Monat nach dem Scheitern der Pride Parade besteht nicht der Wunsch, diesen Konflikt beizulegen. Am Freitag, den 16. Oktober fand auf Initiative des Organisationskomittees ein Treffen mit dem Ziel statt, eine Plattform für den Kampf für Menschenrechte Homosexueller einzurichten, zu dem „ungeeignete” Personen nicht eingeladen wurden.

This text was nominated for Lorenzo Natali 2010 Award